Es ist heiß. Später an diesem Tag wird das Thermometer noch auf 36 Grad steigen. Trotzdem haben wir Gänsehaut. Wir sitzen im Stadtpark im Schatten eines mächtigen japanischen Schnurbaums. Es ist das letzte Ziel unserer Shades durch den ersten Bezirkdurch den ersten Bezirk. Getroffen haben wir unsere Guides Norbert und Robert vor dem Restaurant INIGO in der Bäckerstraße. Mit Ausnahme des Kochs sind alle dort angestellten Personen von Obdachlosigkeit betroffen. Auch unsere beiden Guides waren einen Teil ihres Lebens obdachlos. Aber wie passen sie in unser Bild von Obdachlosigkeit?

Ob sie denn wissen, worum es bei der heutigen Führung geht, fragt Robert die Kinder. Zögerlich kommt die Antwort. Angeblich treffen wir heute einen ehemals obdachlosen Menschen, der uns durch Wien führt. Aber ob er das ist, da sind wir uns jetzt nicht ganz sicher. Robert sieht aus wie ein durchschnittlicher Student. Und das passt auch, denn vor seiner Obdachlosigkeit hat er Deutsch und Mathematik Lehramt studiert. Wir schlucken zum ersten Mal. Jemand, der studiert hat, hat auf der Straße gelebt?

Im Laufe der zweistündigen Tour erfahren wir immer mehr über Roberts und Norberts Leben. Das Schicksal hatte ihnen wahrlich kein gutes Blatt ausgeteilt. Wir erfahren von Misshandlung in der Kindheit, Jobverlust, Bankrott, Kaufsucht und den Verlust geliebter Menschen. Von Norbert erfahren wir, wie schnell man von der Selbstständigkeit in die Obdachlosigkeit abrutschen kann, wenn man mit seinem Privatvermögen haftet. Wir hören die Geschichte einer selbstständigen Kunsthistorikerin, die durch Brustkrebs in die Obdachlosigkeit abgerutscht ist. Und wir merken, wie sich unser Bild von Obdachlosigkeit immer mehr wandelt. Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Auch uns.

Im Stadtpark unter dem mächtigen alten japanischen Schnurbaum erzählt uns Robert von den Herausforderungen des Alltags, wenn man auf der Straße lebt. Besonders im Winter war es hart, einen Schlafplatz zu finden. Robert war nicht anspruchsberechtigt. Er kam aus Deutschland der Liebe wegen nach Wien. Als der dann auf der Straße landete, war er noch nicht lange genug in Wien gemeldet und hatte nicht lange genug gearbeitet, um Anspruch auf Unterstützung durch den Staat zu bekommen. Er gehört zu den 0,1% der nichtanspruchsberechtigten Obdachlosen, die den Weg zurück ins Leben geschafft haben.

Wir verabschieden uns von Robert mit einem High Five und einem Gruppenselfie. Er macht mit jeder Gruppe eins. Seit 2016 hat er so viele Gruppen durch Wien geführt, dass heuer noch ein Fotoalbum entstehen soll. Und an einem Buch über seine Lebensgeschichte arbeitet er auch. Machen Sie eine Shades Tour. Die Erfahrung wird Sie berühren.